Ein Land wie ein Märchen - Estland bietet unberührte Natur, Innovation und viel Design

Baltic Design Shop - 20.07.2017

Estland kommt - und das gewaltig. Seit Juli hat Estland den EU-Ratsvorsitz übernommen. Das Land mit seiner trendigen Hauptstadt Tallinn und Städten wie Tartu und Pärnu zieht jedes Jahr mehr als 2 Millionen Touristen an. Doch neben süßen Städtchen, der Ostsee und tiefen Wälder hat Estland noch viel mehr zu bieten - das estnische Design.


Altstadt Tallinn

Die estnische Hauptstadt Tallinn - Blick auf die Altstadt


Neben den gängigen Souvenirgeschäften laden eine Vielzahl an Designerläden die Besucher zum Stöbern ein. „Design Made in Estland“ hat sich mittlerweile auch international einen ausgezeichneten Namen gemacht. „Das estnische Design hat ein eigenes Gesicht entwickelt, ist selbstbewusster geworden. Wir haben im Gegensatz zu den Finnen einen frischen Tick, sind künstlerisch unperfekt und wirken sexy“, so fasst es die Präsidentin des estnischen Designerverbandes Ilona Gurjanova zusammen.


Design-Store Les Petites

Einer der vielen Läden für estnisches Design in Tallinn – Les Petites


„Design in Estland ist Ausdruck einer Lebensart und hat schon lange nichts mehr zu tun mit angestaubtem Ethno-Kitsch. In Estland entwickelt sich gerade ganz viel Neues und Innovatives“, so Brigitta Ziegler. Die 39jährige Estin lebt mit ihrer Familie in Stuttgart, gründete vor drei Jahren den Baltic Design Shop und ist Botschafterin für estnisches Design in Deutschland. Auf der Suche nach schönen, heimischen Einrichtungsgegenständen für das Haus ihrer Familie in Estland entstand die Idee, dass Produkte kleiner Design-Labels auch deutsche Kunden begeistern könnten. „Meine erste Adresse war vor allem das Estonian Design Haus, das ist eine Plattform für Designer in Tallinn“. Mittlerweile arbeitet Brigitta Ziegler mit Designern im gesamten Baltikum zusammen und sucht hier nach Inspirationen für ihren Shop. „Zu meinen ersten Labels gehörte der Leuchtenhersteller Keha3.


Industrieleuchte Design Throat Keha3

Leuchte Throat von Keha3 ist inspiriert von industriellen Absaugschläuchen


Es ist der reduzierte, klare Stil in Verbindung mit den tollen Naturmaterialen, der meinen Kunden gefällt. Sie sind auf der Suche nach etwas Besonderem und genau das bietet das Design aus den baltischen Ländern.“

In Estland sind es vor allem die kleineren Design-Labels und Start-ups, auf denen die Kreativwirtschaft ruht. Und anders als in Deutschland hat Design bei der Bevölkerung und den politisch Verantwortlichen in Estland einen ganz anderen Stellenwert. Im Kultusministerium in Tallinn gibt es zum Beispiel einen eigenen Design Verantwortlichen.


Schneidebrett-Servierbrett Holz Eiche Design

Schneidebrett Snakesurf mit innovativem Griff entsteht aus den Resten der heimischen Möbelindustrie


Es überrascht nicht, dass in einem Land mit einer so wunderbaren Natur, unberührten Wäldern und dem Zauber der Ostseeküste Naturverbundenheit und Nachhaltigkeit groß geschrieben werden. Ein Trend ist „Upcycling“, das heißt, es wird aus alten oder kaputten Produkten einfach etwas Neues gestaltet. Esten sind nicht nur eigenwillig und sympathisch, sondern vor allem pragmatisch. Hier macht jeder sein Ding und vor allem gibt es zu jedem Problem auch immer eine Lösung. Etwas schwieriger könnte es werden, mit einem Esten ins Gespräch zu kommen. Das Land und die Natur haben die Menschen geprägt. Zu den Lieblingsbeschäftigungen vieler Esten gehört auch heute noch Spazierengehen und Pilze sammeln im Wald. „Viele bauen riesige Zäune um ihre Häuser, damit niemand reinschauen kann, obwohl der nächste Nachbar weit weg ist“, schmunzelt Brigitta Ziegler über den Wunsch der Esten nach Abgeschiedenheit.


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Lieblingsort der Esten – der Wald


Und noch eine Eigenheit: Die Esten sind kein besonders religiöses Volk, aber mehr als fünfzig Prozent der Esten glauben an eine spirituelle Kraft, zum Beispiel an eine den Bäumen innewohnende Seele.

Estnische Naturverbundenheit ist eng verknüpft mit technischem Fortschritt und Umweltschutz. In Sachen Digitalisierung hat Estland jetzt schon die Nase weit vor deutschen Standards: Nicht nur in den Städten, auch in der Natur gibt es größtenteils 4G-Internetverbindungen, mit dem sogenannten E-Bürger hat Estland die virtuelle Staatsbürgerschaft erfunden und schon vor einigen Jahren erfolgreich den Wandel zur digitalen Gesellschaft vollzogen. Und auch in einer ganz handfesten Disziplin haben die Esten die Nase vorn: elf Jahre in Folge kamen die Weltmeister im „Frauentragen“ aus Estland“. Auch hier lag der Schlüssel zum Erfolg in der Entwicklung innovativer Wettkampf-Techniken. Es lohnt sich auf jeden Fall, ein Auge auf das kleine, sympathische Land an der Ostsee zu haben und es wird spannend, mit wieviel Elan und Innovationskraft Estland in den nächsten Jahren noch von sich reden machen wird.

Der Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Ute Stabingies (freie Journalistin)

Fotos: Arne Ader, Paul Meiesaar, Masaki Honda, Aron Urb