Im Gespräch mit RADIS aus Estland über langlebige Möbel, vielseitige Lösungen für kleine Wohnungen und die Entwicklung des TV-Boards FLOATY.
Anfänge und Haltung
Wie entstand RADIS?
Wir hatten ein paar Möbelstücke für uns selbst gebaut. Freunde und Gäste empfahlen uns, sie auch anderen anzubieten. Angefangen haben wir tatsächlich mit Gartenmöbeln. Bald stellten wir aber fest, dass sich massive Gartenmöbel nicht zu einem vernünftigen Preis nach Mitteleuropa exportieren ließen. Deshalb zogen wir gewissermaßen nach drinnen. Heute liegt unser Schwerpunkt auf Wohnzimmermöbeln für unterschiedlich große Wohnungen.
Welche Werte prägen die Arbeit – und welche Rolle spielt Nachhaltigkeit?
Wir fertigen Möbel, die Menschen jahrzehntelang zu Hause nutzen können, sogar über mehrere Generationen hinweg. Dafür verwenden wir widerstandsfähiges Birkenmultiplex, auch mit Eichenfurnier. Unser Ziel ist, dass die Menschen durch ihre Einkäufe den Planeten möglichst wenig belasten.
Gleichzeitig berücksichtigen wir veränderte Lebensbedingungen: Immer mehr Menschen ziehen in Städte, und die Wohnfläche pro Person nimmt ab. Deshalb bieten wir zunehmend multifunktionale Produkte an – Regale, die zugleich Raumteiler sind, oder Schrankbetten, an deren Stelle tagsüber ein Sofa oder Tisch und nachts ein Bett steht.
Wie beeinflusst die eigene Herkunft die Entwürfe?
Entscheidend ist weniger die Nationalität als das Land und die Wohnsituation, in der ein Designer lebt. Ein Designer in einem großen Haus in Estland erlebt Wohnen anders als jemand in Berlin oder einer anderen Großstadt. Dort sieht man unmittelbar, wie Regal und Kommode in ein Zimmer passen müssen – ganz zu schweigen von Bett und Kleiderschrank. Deshalb arbeiten wir mit mehreren Designern aus ganz Europa zusammen. So können wir unterschiedliche Wohnsituationen in unserem Sortiment berücksichtigen und passende Möbel anbieten.
Design und Alltag
Welches Produkt oder Projekt macht besonders stolz?
Die Entwicklung eines Produkts ist nie einfach. Besonders stolz bin ich auf das geschwungene TV-Board FLOATY. Es gab bereits eine eckige Ausführung, die sehr beliebt wurde. Daraufhin wollte ich sie noch benutzerfreundlicher und interessanter gestalten und dabei die Stabilität der Schichten des Multiplexholzes nutzen. Zunächst waren die Kollegen überzeugt, dass diese geschwungene Anordnung der Türen nicht funktionieren würde. Nach mehreren Prototypen und Tests war das Produkt jedoch fertig. Heute ist es unser beliebtestes TV-Board und hat zufriedene Kunden von Norwegen bis Frankreich gefunden.
Was bedeutet gutes Design?
Dass nichts Überflüssiges zur Schau gestellt wird und alles einen Sinn oder eine Funktion hat.
Was sollen die Produkte den Menschen vermitteln?
Mit RADIS können Menschen ihr Zuhause ein wenig persönlicher gestalten. Das haben uns auch mehrere deutsche Kunden gesagt: Sie möchten Möbel, die der Nachbar nicht hat. Hinzu kommen natürliche und langlebige Materialien sowie die besondere Stabilität von Multiplex. So bieten wir unsere Vorstellung von minimalistischen und planetenfreundlichen Möbellösungen an.
Herkunft und Perspektiven
Welche Geschichte über RADIS sollte erzählt werden?
In unserem eigenen Artikel über die Entstehung von Möbelstücken erzählen wir, wie mehrere unserer Entwürfe durch Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten entstanden sind.
Was macht estnisches Design besonders?
Estland ist ein Waldland, und die Holzverarbeitung hat hier eine jahrhundertealte Tradition. Es ist schön zu sehen, wie viele Möbel bei uns seit jeher aus diesem natürlichen, nachwachsenden Material entstehen – auf nordische Art klar und minimalistisch.
Was sollten Menschen in Deutschland über Estland wissen?
Ich empfehle interessierten Menschen aus Deutschland, unser Land zu besuchen. Auf kleiner Fläche lassen sich sehr unterschiedliche kleine Welten entdecken. Wir haben viel unberührte Natur, die sich schon nach kurzen Entfernungen verändert. An einem Tag kann man die westestnischen Inseln, die Sandstrände im Kreis Pärnu oder die Seen zwischen den Hügeln Südestlands erleben. Jede Region hat ihre eigenen Speisen und Veranstaltungen.
Das Interview wurde für den Baltic Design Shop ins Deutsche übersetzt.
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